Mittelhochdeutsche
Verben. An den grammatischen Kategorien hat sich
vom Ahd. zum Mhd. kaum
etwas geändert. Das Mhd.
hat wie das Ahd. zwei synthetisch gebildete Tempora:
Präsens und Präteritum.
Zusätzlich haben sich im Mhd.
drei zusammengesetzte Zeiten gebildet: Perfekt, Plusquamperfekt und Futur,
das System der zusammengesetzten Formen ist jedoch, wie oben bereits erwähnt, erst im späten
Mittelalter ausgebildet. Als Modus, Numerus und Genus verbi
hat das Mhd. wie das Ahd.
Indikativ, Konjunktiv und Imperativ, Singular und Plural, ein synthetisch
gebildetes Aktiv und ein umschriebenes Passiv.
Im Mhd.
werden die Vokale der „nichtstarktonigen Silben“ zu -e- abgeschwächt. Dadurch sind die drei
Klassen der schwachen Verben fast nicht mehr zu erkennen, und die Konjunktivformen
entsprechen weitgehend den Indikativformen, da die „Moduszeichen“ -ê-
und -î- durch die Abschwächung
zu -e- verschwinden. Durch die Endsilbenabschwächung fallen im Mhd.
auch Personalformen zusammen, und die Personalendungen
der Verben verlieren dadurch zum Teil ihre grammatische Funktion, die deshalb
auf „regelmäßig hinzutretende Personalpronomina“
übergeht. Insgesamt wurde die Formenvielfalt
des Ahd. durch den Endsilbenverfall erheblich reduziert.
Die Formenbildung der mhd. Verben. Wie zu ahd. Zeit gibt es auch in der Zeit des Mhd.
noch keine einheitliche deutsche Sprache. Im 12./13. Jh. bildete sich jedoch
auf der Grundlage der verfeinerten höfischen
Sprache eine Literatursprache, das „klassische Mittelhochdeutsch“, heraus, das
„die Ansätze zu einer Gemein- und Einheitssprache in sich birgt“, jedoch
auch regionale Unterschiede erkennen läßt.
Im folgenden
wird nicht jede einzelne Form besprochen, da weniger Schwankungen vorkommen als
im Ahd. und die Personalendungen
dem Nhd. stärker gleichen als im Ahd. Die
folgenden Paradigmen sind aus der Grammatik von Paul, Wiehl, Grosse übernommen.
Starkes
Verb im Mittelhochdeutschen: Ablautreihen
|
|
Infinitiv |
1. Pers. Sing. Ind. Präs. |
1. u. 3. Pers. Sing. Ind. Prät. |
1. u. 3. Pers. Plur. Ind. Prät. |
Part. Prät. |
|
|
rîtten |
rîte |
reit |
riten |
geriten |
|
b) |
zîhen |
zîhe |
zêh |
zigen |
gezigen |
|
II. a) |
biegen |
biuge |
bouc |
bugen |
gebogen |
|
b) |
bieten |
biute |
bôt |
buten |
geboten |
|
III. a) |
binden |
binde |
bant |
bunden |
gebunden |
|
b) |
werfen |
wirfe |
warf |
wurfen |
geworfen |
|
IV. |
nemen |
nime |
nam |
nâmen |
genomen |
|
V. |
geben |
gibe |
gap |
gäben |
gegeben |
|
VI. |
vam |
var |
vuor |
vuoren |
gevam |
|
VII. |
râten |
râte |
riet |
rieten |
gerâten |
Präsens: Indikativ u. Konjunktiv
|
|
Indikativ |
Konjunktiv |
|
1. Sg. |
nime |
neme |
|
2. Sg. |
nimest |
nemest |
|
3. Sg. |
nimet |
neme |
|
1. Pl. |
nemen |
nemen |
|
2. Pl. |
nemet |
nemet |
|
3. Pl. |
nement |
nemen |
Die Bindevokale aller Formen
sind zu -e- abgeschwächt.
Die Formen der starken und schwachen Verben müssen
daher nicht gesondert besprochen werden, da sie keine Unterschiede mehr
aufweisen. Bis auf die 3. Sg. und Pl. unterscheiden sich auch die
Indikativformen nicht mehr von den Konjunktivformen. Als Endung der 1. Pl. Ind.
Präs., die im Ahd. ursprünglich -mês war, hat sich im Mhd.
die ursprüngliche Konjunktivendung
-en
durchgesetzt. In der 2. Sg. ist das -t,
das durch das Anfügen des Personalpronomens thu an die Verbform
gefügt wurde, fester Bestandteil der Endung geworden.
Präteritum:
Indikativ u. Konjunktiv
|
starke Verben |
schwache Verben |
|
|
|
Konjunktiv |
Indikativ/Konjunktiv |
|
1. Sg. |
næme |
hôrte |
|
2. Sg. |
næmest |
hôrtest |
|
3. Sg. |
næme |
hôrte |
|
1. Pl. |
næmen |
hôrten |
|
2. Pl. |
næmet |
hôrtet |
|
3. Pl. |
næmen |
hôrten |
Die Stammbildung des Präteritums im Mhd. weicht
bei starken und schwachen Verben nicht vom Ahd. ab.
Die Flexionsendungen der starken und schwachen Verben unterscheiden sich im
Indikativ Singular. Die Konjunktivformen der starken und schwachen Verben sind
gleich.
Partizipien
|
Partizip Präsens |
Partizip Präteritum |
||
|
starke Verben |
schwache Verben |
starke Verben |
schwache Verben |
|
nemende |
suochende |
genomen |
gesuochet |
Auch beim Partizip sind die
Vokale aller unbetonten Silben zu -e-
abgeschwächt, ansonsten unterscheidet sich die
Bildung des Partizips Präsens und Präteritum nicht vom Ahd.
Der Gebrauch der Tempusformen im Mhd. Im Mhd. ist die Bildung zusammengesetzter Zeiten weiter
fortgeschritten als im Ahd. Als zusammengesetzte
Tempora kennt das Mittelhochdeutsche das Perfekt, das Plusquamperfekt, das
Futur I und II. Diese Formen werden aus einem konjugierten Hilfsverb und einer
infiniten Verbform gebildet. Das Partizip Präteritum wird also nicht mehr flektiert, es scheint
demnach seine Bedeutung innerhalb der zusammengesetzten Form verändert zu haben.
Die synthetisch gebildeten Tempora. Die Bedeutung der synthetisch gebildeten Tempora erscheint
im Mhd. vielschichtiger als im Ahd.
Allerdings ist zu beachten, daß aus dem Mhd.
zahlreichere Texte überliefert
sind als aus ahd. Zeit und daß die Grammatiken
bei der Untersuchung des Gebrauchs der ahd.
Tempusformen nur Aussagen über die Bedeutung der
Tempora in den überlieferten Texten machen können.
Indikativ Präsens. Das Präsens kann im Mhd. verschiedene Zeitstufen
bezeichnen. Es kann Gegenwärtiges
ausdrücken:
Wahter, du singest daz
mir manege vroude nimt unde mêret
mîne clage – „Wächter,
du singst, was mir manche Freude nimmt und meine Klage mehrt.“
Das Präsens
kann aber auch als atemporales Präsens
für die Bezeichnung von Allgemeingültigem
verwendet werden. Hartmann von Aue schreibt beispielsweise über
den Pfad der Sünde, und was er darüber
sagt, hat für alle Menschen zu jeder Zeit Gültigkeit:
der enhât
stein noch stec, mos gebirge noch walt, der enhât ze heiz noch ze kalt. man vert in âne des lîbes nôt, er leitet ûf den
êwigen tôt „Der ist nicht steinig, nicht schmal,
hat weder Moor noch Gebirge noch Wälder, ist
nicht zu heiß und nicht zu kalt. Wohl geht man ihn ohne Beschwerden, doch
führt er in den ewigen Tod.“
Weiterhin kann das Präsens benutzt werden, wenn verstorbene Autoritäten zitiert werden.
Das Mhd.
kennt auch das historische Präsens, also die Präsensform mit Vergangenheitsbedeutung, die zur Auflockerung
und zur Belebung von vergangenem Geschehen dient, allerdings tritt das
historische Präsens nur selten in der mhd. Literatur auf:
do was im kvndikeite
zit. er sihet wo ein rone lit, dar vnder tet er einen vanc. manic hvnd dar vber spranc – „So war
es höchste Zeit für
eine List. Er erblickt einen umgestürzten
Baumstamm und springt rasch darunter. Die Hunde sprangen alle darüber...“
Die Präsensform
in einer Erzählung in der Vergangenheit kann jedoch auch
Gegenwartsbedeutung haben. Dieser Gebrauch des Präsens
wird als „Präsens des Verweilens“ oder als „Autorpräsens“ bezeichnet. Innerhalb einer
Erzählung im Präteritum können
durch den Gebrauch des Präsens die Figuren vom Erzähler aus der vergangenen Handlung in die Gegenwart
des Autors gehoben werden. Oft wird eine solche Unterbrechung der Handlung mit nû oder hie eingeleitet. Dieses Präsens wird
auch verwendet, wenn der Autor die Handlung unterbricht, um die handelnden
Figuren oder den Hörer anzusprechen. Dieser
Gebrauch des Präsens ist nicht mit dem Gebrauch
des historischen Präsens zu verwechseln.
Nach Weinrich
findet hier innerhalb eines Textes ein Wechsel vom Tempus der erzählten
Welt zum Tempus der besprochenen Welt statt. Die „entspannte Haltung“ der
„Erzählsituation“ wird zugunsten der „gespannte[n] Haltung“ der „nicht-erzählenden Sprechsituation“ verlassen. Dieser plötzliche Tempuswechsel bewirkt beim Zuhörer eine Steigerung seiner Aufmerksamkeit. Im
folgenden Beispiel aus dem Parzival stellt der Autor mitten in das vergangene
Geschehen einer Frage an sich selbst, die er im Präsens
formuliert. Auf diese Frage folgt eine weitere Passage im Präsens,
in der er zunächst über
die Figuren als gegenwärtig redet und sie danach
auch anspricht.
den heiden minne nie verdrôz: des was sîn herze in strîte grôz. gein prîse truog er willen durch
die künegîn Secundillen,
diu daz lant
ze Tribalibôt im gap:[...] der heiden nam an strîte zuo: wie tuon ich dem getouften nû? ern welle an minne denken, sone mag er nicht entwenken, dirre strît müez im erwerben
vor des heidens hant ein
sterben. daz wende tugenthafter
grâl: Condwîr âmûrs diu lieht gemâl „Der Heide diente beharrlich um
Liebeslohn, und das stärkte sein Herz auch für den Kampf. Er stritt um Heldenruhm im Dienste der Königin Secundille, die ihm
das Reich Tribalibot geschenkt hatte. [...]der
Gedanke an seine Geliebt mehrte die Kraft des Heiden. Doch was fange ich nun
mit dem Christen an? Wenn er sich nicht auf die Macht der Liebe besinnt, bringt
ihm in diesem Kampfe die Hand des Heiden unfehlbar den Tod. Verhüte
das, allgewaltiger Gral, und du bezaubernde Condwiramrus!“
Mit den Formen des Präsens kann im Mhd.
auch zukünftiges Geschehen bezeichnet
werden:
ich behüete
vil wol daz,
daz ich im kome sô
nâhen – „ich werde mich davor hüten,
ihm so nahe zu kommen“.
Durch das Präfix
ge- oder
durch Adverbien wird die Zukunftsbedeutung der Präsensform
noch verstärkt:
ich weiz wol waz Kriemhilt
mit disem scatze getuot – „...tun wird“, die nu vil lîhte mîn enbernt, die windent noch ir hende „werden noch ihre Hände winden“.
Indikativ Präteritum. Mit dem Präteritum können im Mhd. alle Stufen
der Vergangenheit bezeichnet werden. Im Oberdeutschen ist das Präteritum geschwunden und durch das Perfekt ersetzt
worden. Als „episches Präteritum“ ist es das
Tempus des Erzählens, mit dem vergangenes Geschehen objektiv geschildert
wird:
Ein keiser Otte was genant, des magencrefte manic lant mit vorhten undertænic wart. – „Ein Kaiser hieß Otto. Viele Länder waren seiner Majestät
mit Furcht und Zittern untertan.“
Wenn vergangenes Geschehen aus
subjektiver Sicht erzählt wird oder wenn es Bezug zur Gegenwart hat, kann
das Präteritum Perfektbedeutung haben:
ich liez ein lant dâ ich krône truoc – „ich habe ein Land verlassen...“
Besonders bei Verben, die an
sich schon perfektive Bedeutung haben, ist das häufig
der Fall. In einem Satzgefüge kann im ersten
Glied ein umschriebenes Perfekt vorkommen, auf das Imperfektformen folgen.
Durch die zusammengesetzte Perfektform wird dann deutlich, daß auch die
folgenden Imperfektformen Perfektbedeutung haben. Mit den Imperfektformen kann
auch die Vorvergangenheit ausgedrückt werden. Oft ist ein ge- Präfix vor die Imperfektform
gestellt, wodurch gekennzeichnet wird, daß diese Form
Plusquamperfektbedeutung hat:
schoen unde lanc was im der bart, wand er in zôch vil zarte, und swaz er bî dem barte geswuor, daz liez
er allez wâr. – „Er hatte
einen schönen langen Bart, denn er pflegte ihn sehr sorgfältig; und
alles, was er je bei diesem Bart geschworen hatte, das erfüllte
er haargenau.“
Das Präteritum
kann im Mhd. auch mit sehr geringem zeitlichem Bezug
als sogenanntes „gnomisches
Präteritum“ in sentenzartig formulierten Sätzen gebraucht werden. Das Präteritum
drückt in solchen Fällen „allgemeine Erfahrung[en]“ aus, es gleicht
also dem atemporalen Präsens:
sîn triuwe
hât so kurzen zagel, daz
si den dritten biz niht galt, vuor si mit bremen in den walt. – „Die
Zuverlässigkeit solcher Gesinnung hat einen so
kurzen Schwanz, daß sie schon den dritten Stich nicht mehr abwehren kann,
wenn im Walde die Bremsen über sie herfallen.“
Der Gebrauch des Konjunktivs. Mit dem Konjunktiv können
im Mhd. „Wunsch, Befehl oder Verheißung“
sowie „Irrealität oder Potentialität“
ausgedrückt werden. Der Konjunktiv bezeichnet demnach, wie im Kapitel über das Ahd. Verb bereits erläutert wurde, nicht die grammatische Kategorie
Tempus, sondern die Kategorie Modus.
Das Mhd.
kennt den Konjunktiv Präsens und den Konjunktiv Präteritum, deren Funktion hier im einzelnen
nicht dargestellt wird, wichtig ist hier lediglich, daß durch diese
beiden Konjunktivformen kein Tempusunterschied gekennzeichnet wird, sondern
eine unterschiedliche „Art der Modalität“. Wenn
der Konjunktiv im Mhd. im Nebensatz steht, kann
jedoch „dieser Bedeutungsunterschied zwischen Konj. Präs. und Konj. Prät [...] aufgehoben“ werden, da sich die Form des
Konjunktivs, wie schon im Ahd., nach der Tempusform
des Hauptsatzes richtet.
Ist der Hauptsatz ein
Imperativsatz oder steht er im Präsens oder im
umschriebenen Perfekt, folgt in der Regel ein Konjunktiv Präsens,
steht der Hauptsatz im Präteritum, folgt dagegen
der Konjunktiv Präteritum. Dies gilt allerdings
nur, wenn kein zeitlicher Unterschied zwischen der Aussage des Haupt- und
Nebensatzes gekennzeichnet werden soll. Die modale Bedeutung der Konjunktivform
kann also durch das Tempus des Hauptsatzes abgeschwächt
werden.
Wenn allerdings ein Konjunktiv Präteritum im Nebensatz eines Hauptsatzes vorkommt,
der im Präteritum steht, kann dieser Konjunktiv
eine „präteritale“ Zukunft bezeichnen. Die
Konjunktivform erhält dadurch einen zusätzlichen
Zeitbezug:
er weste wol daz Keiî in niemer gelieze vrî vor spotte – „er wußte wohl, daß Keiî
ihn nicht verschonen würde“.
Der Konjunktiv Präsens kann im konjunktionalen Nebensatz, wenn er
durch Verben mit perfektiver Bedeutung gebildet wird, die Bedeutungsnuance
einer vollendeten Zukunft haben:
swenne ich sî
verdorben unde ich lige
erstorben durch daz keiserlîche
wîp, sô heiz mir snîden
ûf den lîp... –
„Wenn ich gestorben bin und tot daliege....“
Zusammengesetzte Formen. Das zusammengesetzte Perfekt wird aus dem Präsens von haben
oder sîn
und dem Partizip Präteritum gebildet. Das
umschriebene Plusquamperfekt setzt sich aus der Imperfektform von haben oder sîn und dem Partizip Präteritum zusammen. Es läßt
sich nicht genau festlegen, wann die Formen von haben und wann die Formen von sîn gebraucht werden.
Ungefähr lassen sich transitive Verben und intransitive Verben mit imperfektiver Bedeutung den Formen von haben zuordnen. Intransitive Verben, die eine Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen, bilden die umschriebenen
Formen dagegen mit sîn.
Der Gebrauch des umschriebenen Perfekts
und Plusquamperfekts. Das umschriebene Perfekt kann
sowohl Zukunfts- als auch Perfektbedeutung haben. Futurbedeutung hat es
deshalb, weil es mit der Präsensform von haben oder sîn gebildet wird und das Präsens im Mhd. auch
Zukunftsbedeutung hat. Durch die Zusammensetzung der Präsensform
mit dem Partizip Präteritum wird ein in der
Zukunft bereits vollendet gedachter Sachverhalt, also das Futur II,
ausgedrückt, was auch im Nhd. durchaus möglich
ist:
is rother dar under, den habe wir schire wunden –
„wenn Rother darunter ist, den haben wir gleich gefunden' oder: '...den werden
wir gleich gefunden haben.“
Die umschriebenen Perfektformen können jedoch auch ein in der Vergangenheit abgeschlossenes
Geschehen, das in die Gegenwart hineinwirkt, bezeichnen:
wie stêtz
iu umben grâl? habt ir geprüevet noch sîn art? –
„wie steht es um Eure Sache mit dem Gral? Habt Ihr endlich sein Wesen kennengelernt? Was hat Euch Eure Fahrt gebracht?“.
Mit dem umschriebenen
Plusquamperfekt wird im Mhd. wie im Nhd. die Vorvergangeheit bezeichnet:
dô was diu
vrouwe Prünhilt vol
hin unz an den tisch gegân – „Da war Brünhilde ganz bis zu
ihrem Tisch gegangen“.
Der Gebrauch des umschriebenen Futurs. Die umschriebenen Futurformen entwickeln sich aus
Zusammensetzungen der Modalverben suln, wellen und müezen mit
einem Infinitiv. Durch den modalen Charakter dieser Verben wird einerseits der
Zusammenhang zwischen dem „Verbalvorgang“ und dem Willen des Subjekts
gekennzeichnet, andererseits beinhalten sie, daß der „Verbalvorgang“ noch
nicht stattgefunden hat, denn das Subjekt „soll“, „will“ oder „muß“ ja noch handeln. Im Mhd.
kann innerhalb eines Textes sowohl der modale als auch der temporale Aspekt überwiegen. Im folgenden Beispiel aus dem
Nibelungenlied überwiegt die temporale
Komponente von suln
mit Infinitiv:
diu mære, diu ich bringe, sol ich iu willeclîchen sagen – „die
Botschaft, die ich bringe, werde ich Euch gern sagen“,
einige Sätze später heißt es:
ir sult si lâzen hoeren mich unt mîne man – „ihr sollt sie mich und meine
Mannen hören lassen“,
hier hat suln rein modale Bedeutung.
Die modale Bedeutung ist bei müezen mit Infinitiv stärker als bei suln, auch ist
die temporale Bedeutung viel seltener. Im folgenden Beispiel kann müezen rein
zeitlich, aber auch modal zu verstehen sein:
si gedahte in ir sinne: "und sol ich mînen lîp geben einem
heiden des muoz zer werlde immer schande hân – „Sie
dachte bei sich: wenn ich meinen Körper einem
Heiden schenke, muß/werde ich bei den Leuten
immer Schande haben“.
Bei wellen mit Infinitiv überwiegt die
modale Bedeutung, die temporale Komponente kann jedoch auch sehr stark sein:
nu lâzet
iuwer weinen: si wellent schiere komen – „Nun laßt Euer weinen, sie werden glänzend
kommen“.
Hier hat wellen rein temporale Bedeutung.
Umschriebene Formen mit werden kommen im Mhd.
zunächst nur mit dem Partizip Präsens vor und bezeichnen den Beginn eines
Geschehens, also die inchoative Aktionsart. Da das
Verb werden jedoch keinen „ausdehnungslosen
Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft“ bezeichnen kann, erhält diese
Umschreibung allmählich Zukunftsbezug:
ir werdent mich
ain clain zît niht sehende. un dar nach so werdent ier mich ain clain
zît aber sehende.
Seit der 2. Hälfte
des 14. Jh. werden Futurumschreibungen aus werden
mit Infinitiv üblich: sô wirt er spechen.
Daß sich die
Futurumschreibungen aus Bezeichnungen der Modalität
entwickelt haben, wird noch im Nhd. daran deutlich, daß die Futurformen
auch rein modale Bedeutung annehmen können. So
wird z.B. in dem Satz 'Du wirst müde sein.'
keine Aussage über einen Zustand, der in der
Zukunft liegt, gemacht, sondern es wird eine Möglichkeit
bezeichnet. Genauso hat der Satz 'Du wirst jetzt ruhig sein' mehr
imperativische als temporale Bedeutung.