Allgemeines. Bis vor kurzem setzte man den
zeitlichen Rahmen dieser Periode länger: bis zum Ende des 15.
Jahrhunderts, deshalb begegnet man in unterschiedlichsten Quellen
hauptsächlich 2 Periodisierungen. Zum Anfang des 11. Jh. vollziehen sich
merkliche Veränderungen im gesellschaftlichen
Leben Deutschlands, zu denen man auch die Entstehung neuer Existenzformen der
deutschen Sprache zählt. Zu gleicher Zeit vollziehen sich die Veränderungen im phonetischen und grammatischen Bau
des Deutschen, die die ahd. Periode abschließen. Die Innovationen in der sprachlichen
Struktur seit dem Ende des 11. Jh. leiten weiteres Walten der deutschen Sprache
ein.
Gesellschaftliche
Verhältnisse in der mhd.
Periode. Das 11. Jahrhundert
war ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte Deutschlands. Um diese Zeit hat
sich der Feudalismus in Ländern gefestigt. Das
gesamte Leben im Lande war durch den feudalen Grund besetzt, durch die feudale
Produktionsweise und durch die Aufspaltung der Gesellschaft in die Schichten
der Feudalherren einerseits und der unfreien Bauern andererseits bestimmt. Nur
im Norden und Süden Deutschlands gab es Reste eines freien Bauertums. Die Gesellschaft sah ungefähr
folgender Weise aus: an der Spitze stand der König,
unter ihm Hochadel (Herzöge, Markgrafen, Grafen, Bischöfe, Kurfürsten). Die Hauptmasse der Feudalen bildete der
Ritteradel. Und unten befanden sich die breiten Massen der Bauern. Seit dem 11.
Jh. aber entsteht im Rahmen der Feudalgesellschaft die weltliche ritterliche
Kultur. Diese Zeit war durch die starke Verbreitung der Schicht des niederen
Ritteradels gekennzeichnet.
Die
Existenzformen des Mhd. Im Mhd. bestehen mündliche Mundarten, regionale Schreibsprachen
(geschriebene Mundarten). Zu den wichtigsten Merkmalen des Mhd.
zählt man Vorhandensein überregionaler, übermundartlicher Sprache. Es war die Dichtersprache.
Sie wird auch als klassisches Mittelhochdeutsch bezeichnet. Dieser Sprache
bedienten sich Dichter des Minnesangs. Sie vermieden Wörter,
Laute, Strukturen, die von den meisten Deutschen nicht verstanden wurden
(Hartman von Aue, Wolfram Äschenbach, Heinrich von Morungen,
Gottfried von Strassburg). Man teilt das Mhd. in 3
Perioden: Frühmittelhochdeutsch(1050 - 1150);
Klassisches Mittelhochdeutsch (1150 - 1250); Spätmittelhochdeutsch (1250 -
1350).
Latein
war sowohl in der ahd. Periode, als auch in der mhd. Periode die Sprache, die am meisten im Geschäftsverkehr, in der Wissenschaft, in der
kirchlichen Literatrur benutzt wurde. Als geschriebene
Sprache war Latein die vorherrschende Sprache. Latein beeinflußte
die deutsche Sprache grammatisch, lexikalisch, syntaktisch.
Der
deutsche Sprachraum in der mhd.
Periode. Die Expansionspolitik der deutschen Herrscher war vom
Anfang an für die deutschen Kaiser typisch. Dadurch
erweiterte sich das Territorium Deutschlands wesentlich. Zuerst erfolgte diese
Ausweitung in westlicher und südwestlicher Richtung (Es wurden zwar
Westfranken romanisiert, aber das deutsche Sprachgebiet dehnte sich im
Südwesten auf das Rätoromanische Territorium aus). Vom 11. bis zum
14. Jh. erfolgte die Ausweitung des deutschen Territoriums vor allem durch die
Ostexpansion. Schon im 10. Jh. begann die Unterwerfung der slawischen Gebiete, ostwärts der Elbe und Saale. Da waren die Mark Meißen und die Mark Lausitz gegründet.
Im 12. Jh. wurden weitere Gebiete zwischen Elbe und Oder und an der Ostsee
kolonisiert. Da entstanden die Markgrafschaft Brandenburg und die Herzogtümer Mecklenburg und Pommern.
Die
Ostexpansion verstärkte sich im 13. Jh. Die Ritterorden (deutscher Orden und der Orden der
Schwertbrüder) drangen nach Livland und Kurland
vor. Im 12. und 13. Jh. wurden auch Teile von Böhmen
und Mähren besetzt. Zwischen den 11. und 14. Jh. war deutsche Siedlung in
die neubesetzten Territorien gekommen, im
Südosten (Ungarn und Rumänien) hatten
Deutsche aus mittelrheinischen Gebieten in Siebenbürgen fußgefasst. Auf diesen neuen Territorien entstanden
neue Mundarten, die unter einem Begriff „Ostmitteldeutsch“ zusammengefaßt
wurden. Diese Mundarten waren durch Mischungs- und Verschmälzungsprozesse
gekennzeichnet. Das war darauf zurückzuführen,
daß in dem Kolonialland Siedlersströme aus
den verschiedenen deutschen Sprachräumen
aufeinander trafen. So entstanden neue Mundarten, die Mischcharakter hatten.
Mittelhochdeutsche Mundarten
Hochdeutsche
Territorialdialekte
Oberdeutsch:
1. Allemanisch.
2. Bairisch.
3. Ostfränkisch.
4. Südfränkisch.
Mitteldeutsch:
1.Westmittelhochdeutsche (alte Mundarten):
a) Mittelfränkisch:
Ripuarisch, Moselfränkisch.
b) Rheinfränkisch, Pfälzisch, Hessisch.
2.Ostmitteldeutsch:
a) Thüringisch.
b) Obersächsisch.
c) Schlesisch (lausitzisch-schlesisch).
1. Niederfränkisch.
2. Niedersächsisch.
3. Brandenburgisch.
4. Mecklenburgisch.
5. Pommersch.
Querschnitt
durch das phonologische System des Mhd.
Vokalphoneme
|
Kurze Vokale: |
a |
e |
ë |
ä |
i |
o |
ö |
u |
ü |
|
Lange Vokale: |
â |
ê, |
ae, |
î, |
ô, |
oe |
û |
iu |
[y:] |
|
Diphthonge: |
ei |
ou |
ie |
öu |
(eu) |
üe |
|
|
|
Die neuen Vokalphoneme sind fettgedruckt.
Konsonantenphoneme
|
stimmlose Explosivlaute: |
p |
t |
k |
[kw] |
|
stimmhafte Explosivlaute: |
b |
d |
g |
|
|
stimmlose Frikativlaute: |
f |
s |
h |
|
|
stimmhafte Frikativlaute: |
w |
[z] |
||
|
Affrikaten: |
pf |
z |
[ts] |
|
|
Faringale: |
h |
|||
|
Liquiden: |
l |
r |
||
|
Nasale: |
m |
n |
||
Die neuen Konsonantenphoneme sind [sch],
[z] und labiodentales w [v].
Folgende Erscheinungen kennzeichnen den Unterschied zwischen dem Ahd. und dem Mhd.:
Die Abschwächung unbetonter Nebensilben. Die Abschwächung ist in dieser Phase die
wichtigste Veränderung, denn sie hat großen Einfluß auf
die Morphologie und die Phonologie. Zum einen verringert sich das
Phoneminventar in den Nebentonsilben, zum anderen wird das Flexions- und
Derivationssystem vereinfacht bzw. radikal umgestellt:
a) Zusammenfall der phonologisch konditionierten Vorsilben bi-, ga- ~ gi-, za-
~ zi- ~ ze-, ur- ~ ir-, fur- ~ fir
zu be-, ge-, ze-, er-
und ver-, in denen der sog. Indifferenzvokal [e] steht.
b) Zusammenfall der verschiedenen Flexionsendungen: ahd.
leitis, leitês,
leitos, leitîs
(2. Sg. Präs, Konj. Präs., Prät., Konj. Prät.) werden alle zu leites(t). Ähnlich
ist es in der Deklination.
c) Wegfall unbetonter Mittelsilben: ahd. hêriro > mhd. herre.
d) Es wurden neue Wortbildungsmittel notwendig: im ahd.
konnte ein Adj. durch -î substantiviert
werden. Seit dem Mhd. ist dazu eine Nachsilbe
notwendig, wie etwa -heit, -igkeit
> -keit, -ung.
Die Phonologisierung des Umlauts.
Neue Vokalphoneme. Die Varianten der Vokalphoneme, die im Ahd.
unter dem Einfluß des -j-(-i-)-Umlauts entstanden waren, übernahmen
in der mhd. Zeit in Verbindung mit der Abschwächung des i
zu e in den Endsilben, d.h. in
der Flexion, eine sinnunterscheidende Funktion und
wurden deswegen phonologisiert.
Als Beispiel soll die Pluralbildung bei den Substantiven der i-Deklination dienen: ahd. gast — gesti > mhd. geste; ahd. korb — korbi > mhd. körbe. Während im Ahd.
die Hauptrolle bei der Bildung dieser Formen dem -i- zukam, gehört sie im Mhd. schon dem Umlaut. Sie verhütet
auch die Homonymie von N. A. Pl. und D. Sg.:
ahd.
N. Sg. korb — D. Sg. korbe — N. A. Pl. korbi
mhd.
N. Sg. korb — D. Sg. korbe — N, A. Pl. körbe
Die neuen Vokalphoneme des Mhd sind folgende:
1) Kurze Vokale:
|
ä
|
der
Sekundärumlaut des kurzen a (offener
als das e): mähtec 'mächtig' (ahd.
mahtig), ärze 'Erz'
(ahd. aruzi, arizi, ariz); |
|
ö
|
Umlaut
des kurzen o: öl 'öl' (ahd. olei, oli), möchte (ahd. mohti); |
|
ü
|
Umlaut
des kurzen u: künec 'König'
(ahd. kuning, kunig), gürtel 'Gürtel' (ahd. gurtil); |
2) Lange Vokale
|
æ |
Umlaut
des â: mære 'Erzählung',
'Sage' (ahd. Mari, nhd. Märchen); |
|
œ
|
Umlaut
des ô: schœne
'schön' (ahd. skôni); |
3) Diphthonge
|
öu, eu
|
Umlaut
des Diphthongs ou: tröumen 'träumen' (ahd. troumen < *troumjan zu
troum 'Traum'); |
|
üe |
Umlaut
des Diphthongs uo: güete 'Güte'
(ahd. guoti). |
Die Entwicklung des Umlauts zur inneren F1exion. Auf Grund des
Umlauts entwickelte sich in den Wortformen vieler Wörter
ein Wechsel der Vokalphoneme, der zu einem verbreiteten Mittel der
Formenbildung, d.h. zur inneren Flexion wurde:
1) als Kennzeichen des Plurals, vgl.: ahd. gast - Pl. gesti 'Gäste'; kraft -
Pl. - krefti 'Kräfte';
lamb - Pl. lembir 'Lämmer', entsprechend mhd. gast - geste, kraft - krefte, lamb - lember;
2) als Kennzeichen der Steigerungsformen des Adjektivs, vgl.: ahd. alt 'alt' -
Komp. eltiro - Superl. eltisto, mhd. alt - elter - eltest;
3) als Kennzeichen des Präteritums
Konjunktiv, vgl.: ahd. helfan 'helfen' - 1. P. Sg. Prät. Konj. hulfi '(ich) hälfe, hülfe', mhd. helfen - hülfe;
4) als Kennzeichen der 2. und 3. P. Sg. Präs.
der starken Verben, vgl.: ahd. faran 'fahren' - 2. P. Sg. Präs. feris(t) '(du) fährst'
- 3. P. Sg. Präs. ferit '(er) fährt', mhd. faren - 2. P. Sg. Präs.
ferest - 3. P. Sg. Präs.
feret.
Der Umlaut bekam auch große Verbreitung
in der Wortbildung:
|
kraft 'Kraft'
→ |
kreftic 'kräftig'; |
|
adel 'Adel' → |
edele 'edel'
(ahd. adili); |
|
hof 'Hof'
→ |
hövesch 'höfisch', 'wohlerzogen'; |
|
gruoz 'Gruß' → |
begrüesen 'begrüßen'; |
|
fallen 'fallen'
→ |
fellen 'fällen' |
Palatalisierung von [s] > [ò]. Seit der Mitte des 11. Jh. wird statt ahd. /sk, sc/
der Zischlaut /sch/ gesprochen. Vor /l,m,n,w/,
nach /r/ und in den Verbindungen /st, sp/ wird /s/ außer im Inlaut ebenfalls zu /sch/, doch kommen sch-Schreibungen erst im 13. Jh. langsam auf: slange > schlange, smal > schmal.
a)
ohne Wegfall von k [sl] > [òl] (sl → sch) slange > schlange;
b)
[sm] > [òm] (sm → schm) smal >
schmal;
c)
[sn]
> [òn] (sn → schn)
snel > schnell;
d)
[sw]
> [òw] (sw → schw)
geswinde > geschwinde;
e)
[sp]
> [òp] (sp bleibt sp) spil;
f)
[st] > [òt] (st bleibt st) stellen.
Entwicklung des Phonems [z]. Um die Mitte
des 13. Jh. wird s im Wortanlaut und im Inlaut vor Vokalen stimmhaft:
[s]>[z], ohne daß diese Wandlung besonderen Ausdruck in der Schreibung
findet: ahd. [s] sîn, mhd. sîn > nhd. sein [z].
Wandel des Halbvokals w. Im Ahd. und zu Beginn des Mhd.
war w ein bilabialer Halbvokal, was
die Formen ahd. seo 'See', G. swes, mhd. se, G. sewes bezeugen (der Halbvokal w wird
im Wortauslaut vokalisiert). Im 13. Jh. entwickelt er sich zum labiodentalen
stimmhaften Geräuschlaut.
Auslautverhärtung. Im Mhd. werden
die phonetischen Unterschiede je nach Stellung der Konsonanten im Inlaut oder
Auslaut genauer wiedergegeben als im Nhd. So werden die stimmhaften Laute a) im
Auslaut und b) vor stimmlosen Lauten stimmlos gesprochen, also /b, d, g, v/ wie
/p, t, c(=k), f/, und zwar im Mhd. wie im Nhd. Im Mhd. werden diese stimmlosen Laute auch geschrieben: z.B. mhd. tac
– G. tages
= nhd. Tag – G. Tages.