Frühneuhochdeutsch: kurz und bündig

 

Periodisierung - die Zeit des Frühneuhochdeutschen (Hat es überhaupt das Frühneuhochdeutsche gegeben?)

Grimm (1819/1854)

Zeit

Bezeichnung

Kriterium

Merkmal

600-1100

Ahd.

System

Formenreichtum

1100-1450

Mhd.

System

Formenverminderung

1450-...

Nhd.

System

Formenarmut

Scherer (1878)

Zeit

Bezeichnung

Kriterium

Merkmal

750-1050

Ahd.

Person

Varietäten

Lautung

Überlieferung

Karl der Große

Standardisierungsbeginn

Umlaut, Nebensilbenabschwächung

erste dt.-spr. Überlieferung

1050-1350

Mhd.

Personen

Varietäten

Lautung

Staufer

Fortsetzung d. Standardisierung

Umlautung, Monophthongierung,

Diphthongierung

1350-1650

Frnhd.

(Übergangszeit)

Person

Varietäten

Luther

Kanzleisprachen

1650-...

Nhd.

Personen

Varietäten

Schottel, Gottsched

Kodifizierung

 

 

 

 

Schmidt (1993)

Mittelhochdeutsch

(1050 - 1450)

Mittelniederdeutsch

(1200 - 1650)

hochmittelalterliches Deutsch

(1050 - 1250)

Frühmittelniederdeutsch

(1200-1370)

frühes Mittelhochdeutsch

(1050 - 1180)

 

klassisches Mittelhochdeutsch

(1180 - 1250/1300)

 

spätmittelalterliches Deutsch

1250 - 1450

klassisches Mittelniederdeutsch

(1370 - 1530)

Frühneuhochdeutsch

(1350-1650)

 

 

oder

Deutsch der frühen Neuzeit

Spätniederdeutsch

(1530 - 1650)

(1450-1650)

 

 

 

 

Schreiblandschaften des Frühneuhochdeutschen:

 

Hochdeutsch

 

Mitteldeutsch

- Westmitteldeutsch -

- Ostmitteldeutsch -

Hessisch

Thüringisch

Rheinfränkisch

Obersächsisch

Moselfränkisch

Schlesisch

Ribuarisch

Böhmisch

 

Hochpreußisch

Oberdeutsch

- Westoberdeutsch -

- Ostoberdeutsch -

Südfränkisch

Ostfränkisch

Schwäbisch  

Bairisch

Alemannisch

 

 

Druckersprachen um 1500

regionale Prägung

Druckorte

westmitteldeutsch

Frankfurt/M., Mainz, Worms, Köln

ostmitteldeutsch

Wittenberg, Leipzig

ostfränkisch

Nürnberg

schwäbisch

Augsburg, Ulm, Tübingen

alemannisch

Straßburg, Basel, Bern, Zürich

bairisch

München, Ingolstadt, Wien

 

 

Sprachschichtung des Frühneuhochdeutschen

 

 

                                                            Ausgleichssprachen

 


                                                         Gemeines   Ostmittel-

                                                         Deutsch       deutsch

 


                                                            großlandschaftl.

                                                            Schreibsprachen

 


                                    regionale                                schichtenspezif.

                                    Schreibdialekte                     Schreibsoziolekte

 


                                                „Sprechdialekte“ (Mundarten)

                                                                  (kaum belegt)

 

 

 

 

 


Gesamtzahl deutscher Drucke in der Reformationszeit

 

1500 = 80

1518 = 146

1519 = 252

1520 = 571

1521 = 523

1522 = 677

1523 = 944

1524 = 990

 

 

Beispiel:

"Zwölf Artikel der Bauern", Zwickau: J. Gastel 1525

a)

ES seyn vil wider christen / die yetzunt von wegen der versammleten Baurschafft / das Euangelion zuo schmehenn vrsach nemen / sagent / das seyn die frücht / des newen Euangelions?

 

b)

ES sind viel widder Christen die itzund von wegen der versammeleten Bawerschafft das Euangelium zu schmehen vrsach nehmen / Sagend / das sind die frucht / des newen Euangeliums?

 

 

Adam Petri: Glossar zum Septembertestament

 

„Lieber Christlicher Leser, So ich gemerckt hab, da nitt yedermann verston mag ettliche wörter im yetzt gründtlichen verteutschten neuwen testament, doch die selbigen wörtter nit on schaden hetten mögen verwandlet werden, hab ich lassen die selbigen auff unser hoch teutsch außlegen und ordenlich in ein klein register wie du hie sihest, fleißlich verordnet.“

 

aenlich, gleich - Jh 9,9. 12,7. Phl. 3,10.21.

Affterreden, nachreden - 2 Ko 12,20. 1 Pt 2,1. Jak 4,11.

Alber, nerrisch/ fanteschtisch - 2 Ko 11,6.

Altuätelisch fabel, alter wiber merlin - 1 Ti 4,7.

Anbiß, morgenessen - Jh 21,5 „anbeysenApg 23,14.

Anfal, anteil/loß/zuofall - Apg 1,17 ff.

Anfurt, der schiff anlendung - Apg 27,12. 27,39.

Anstoß, ergernuß/strauchelung - 14,13. 1 Ko 8,9. 1 Pt 2,8.

Auffschub, verzug - Apg 25,17.

Auffrucken, verweisen/ beschuldigen - Mt 25,44. Jak 1,5.

 

 

Beispiel:

Sebastian Brant "Narrenschiff"

 

a) Basel (Urtext)                                            b) Nürnberg (Nachdruck)

Der ist eyn narr der buwen will                    Der ist ein narr der bawen wil

Vnd nit vorhyn anschlecht wie vil                Vnd nit vorhyn anschlecht wie vil

Das kosten werd / Vnd ob er mag               Das kosten werd. vnd ob er mag

Volbringen solchs / noch sym anschlag    Volbringen solichs. noch seym anschlag

Vil hant groß buw geschlagen an                Vil hant groß bew geschlagen an

Vnd möchtent nit dar by bestan                  Vnd möchten nit dar bey bestan

 

 

 

Reisetagebuch von U. Schmidle (1554)

Gegenübersetllung Hs. - Ds.

Hs.      Jn dem ornn henchen an dem Zieffel

Ds.      im zipffel des ohrs hangen

Hs.      auff vnß sol warden

Ds.      vnser solten warten

Hs.      padenn sy vnnß daß wier pey Jennen solten pleiben

Ds.      baten sie vns / daß wir bey jhnen blieben

Hs.      oder hochZeit wie man heraussen macht

Ds.      oder wie herauß ein Hochzeit gehalten wirdt

Hs.      Ein messer daß ist von fisch pain gemacht

Ds.      ein messer / von Vischbein

Hs.      vnß Zugepotten hatt daß wier auff sein solten

Ds.      vnd vns auff zuseyn gebote

Hs.      der hatt mit seinem Zu namen gehaissen thun pedro Mannthossa

Ds.      war genannt Petrus Manthossa

 

 

 

Nach Virgil Moser lassen sich für den Zeitraum des Frühneuhochdeutschen folgende Stadien der Druckgeschichte feststellen:

 

1.   Nach etwa 1470 lag „das ganze Schwergewicht auf westobd. Boden (in Straßburg, Basel, Augsburg und Nürnberg)“.

2.   Nach 1525 verlagert sich dieses Schwergewicht „unter der Wucht der Reformation und von Luthers Schrifttum entscheidend geprägt nach dem md. Nordosten (in das noch zweisprachige md.-ndd. Wittenberg“.

3.   Um 1570 beginnt der „Verfall der obd. Druckersprache“. Sie gleichen sich zunächst aneinander an, das Alemannische z.B. übernimmt die „neuen Diphthonge“; „dann Fortschreiten zum md., besonders durch die Aufgabe der gemobd. Diphthonge“. Der Schwerpunkt verschiebt sich nach Westen, besonders nach Frankfurt/M.; das Omd. verliert seinen Einfluß. Gleichzeitig geht der niederdeutsche Norden zur „omd. gefärbten Schriftsprache über“.

4.   Nach 1620 verlagert sich das Schwergewicht „durch das Auftreten der Schlesier“ sowie durch die Bedeutung des Leipziger Buchdrucks „wieder nach Osten“.

 

 


Welche Mittel verwendet Luther in seiner Bibelübersetzung?

 

n    Einbeziehung von Modalwörtern, die im Lat. fehlen

            Luk, 15,29: Vnd habe den gebot noch nie vber tretten.

Das „noch“ fehlt in der lat. Vorlage. Modalwörter (ja, doch, denn, nun, nur, allein, sonst, schon) setzen seelische Akzente, entsprechen der lebendigen Sprache.

 

n    ständige Verbesserung des Textes

            (1. Kor.8,11)

Septembertestament:          vmb wilches willen Christus gestorben ist

Ausgabe 1530:                      vmb wilches willen doch Christus gestorben

ist

Dieses "doch" appelliert an das Mitverständnis des Lesers.

 

n    Lösung vom Zwang der Vorlage

Psalm 46,4

a) Ob auch seyne wasser wueteten vnd zu haüff plumpten.

b) Wenngleich desselben wasser tobeten vnd zu haüff fallen.

c) Wenn gleich das meer tobete vnd auff eynen hauffen fure.

d) Wenn gleich das meer wütet vnd wallet. (=1531)

Ohne am Sinn des Originaltextes zu deuteln, befreit er sich vom Zwang der Vorlage. Das betrifft nicht nur die Wortwahl, sondern auch den Satzbau oder die Verbalisierung von Substantiven.

 

n    Vereinfachung der Satzstruktur

Luk. 2,6,7

1522:   Vnnd es begab sich, ynn dem sie daselbst waren, kam die

zeyt das sie geperen sollte, vnnd sie gepar yhren ersten son.

1530:   Vnd als sie daselbs waren, kam die zeit, das sie geberen

solte. Vnd sie gebar jren ersten Son.

 

n    Ausmerzung papierener Formen

Luk 21, 16

1522: vnd sie werden ewr ettlichen zum tod helffen.

1530: vnd sie werden ewer etliche tödten.

 

n    Bemühung, seine Sprache zu regeln

Luk. 7, 3

1522a: da er aber horet von Jhesu, sandt er die Elltisten

der Juden zu yhm, vnd batt yhn, das er keme, vnd

macht seynen knecht gesund.

1522b: Da er aber von Jhesu höret, sandte er die eltesten

der Jüden zu jm, vnd vnd bat jn, das er keme, vnd seinen Knecht gesund machet.

Luther war an lat. Rhetorik und Stilistik geschult. Man denke hier an die Stellung der finiten Verbform im Lateinischen. Im Deutsche ist das zwar nicht ungewohnt, aber auch nicht die Regel. Das Beispiel zeigt es.

 

n    Durchschaubarmachung der Schriftsprache

Mark. 15, 12

1522: Vnd es ware vmb die dritte stund, vnd sie creutzigten yhn

1530: Vnd es war vmb die dritte stunde, da sie ihn creutzigten.

Er ersetzt die syntaktische Nebenordnung durch die Unterordnung.

 

n    rhythmische Gestaltung der Sprache

            Mark. 14, 33

1522: Vnd fieng an zu ertzittern vnd zu engsten.

1530: Vnd fieng an zu zittern vnd zu zagen.

Der Rhythmus wird durch den Gleichlaut der Laute und den Stabreim erreicht.

 

n    Sacherklärungen in Form von Randglossen

z.B. Heuschrecken als Speise des Johannes (Mt 3,4)

Solche hewschrecken pflegt man yn etlichen morgenlendern tzu essen als Hiernony. schreibt.

 

n    Allegorische Auslegungen in Form von Randglossen

(Mt 2,6)

Bethlehem war kleyn an zu sehen darumb auch Micheas sie kleyn nenet. Aber d` Euangelist hat hyn zu than darumb sie itzund erhohett war / do Christus da geporn ward

 

n    Verwendung von Illustrationen

 

Gesamtausgaben der Bibel vor Luther

 

Bezeichnung

Drucker

Ort

Jahr

Mentel-Bibel

Johann Mentel

Straßburg

1466

Eggestein-Bibel

Heinrich Eggestein

Straßburg

1470

Zainer- Bibel

Günther Zainer

Augsburg

1475

Pflanzmann-Bibel

Jodocus Pflanzmann

Ausburg

1475

Sensenschmidt-Bibel

Johann Sensenschmidt

Nürnberg

1476/78

Zainer- Bibel

Günther Zainer

Augsburg

1477

Sorg-Bibel

Anton Sorg

Augsburg

1477

Kölner Bibel (ndd.)

Quentell/Unckel (?)

Köln

1478/79

Kölner Bibel (ndd.)

Quentell/Unckel (?)

Köln

1478/79

Sorg-Bibel

Anton Sorg

Augsburg

1480

Koberger- Bibel

Anton Koberger

Nürnberg

1483

Grüninger-Bibel

Johann Grüninger

Straßburg

1485

Schönsperger-Bibel

Johann Schönsperger

Augsburg

1490

Schönsperger-Bibel

Johann Schönsperger

Augsburg

1490

Lübecker Bibel (ndd.)

Steffen Arndes

Lübeck

1494

Otmar-Bibel

Johann Otmar

Augsburg

1507

Otmar-Bibel

Silvan Otmar

Augsburg

1518

Halberstädter Bibel (ndd.)

Lorenz Stuchs

Halberstadt

1522

 

 

Übersicht über lat. Bibeldrucke des 15. und beginnenden 16. Jh.

 

Mainz:

Johannes Gutenberg

1455

Johann Fust/Peter Schöffer

1462, 1473

Straßburg:

Johann Mentel

1461

Heinrich Eggestein

1466, 1468, 1468/70

Adolf Rusch

1470, 1481

Johann Grüninger

1483, 1492, 1497

unbek. Drucker

1485

Johann Preiß

1486, 1489

Basel:

Bertold Ruppel

1468

Bernhard Richel

1474, 1475, 1477, (?)

Johann Amerbach

1479, 1481, 1482, 1486, 1491, 1492/94, 1498/1502, 1504

Nikolaus Keßler

1487, 1491

unbek. Drucker

1491, 1495, 1509, 1514

Johann Froben/Johann Petri

1498, 1502, 1506/08, 1509, 1514, 1522

Nürnberg:

Johann Sensenschmidt/ Andreas Frisner

1475, 1476

Anton Koberger

1475, 1477, 1478, 1479, 1480, 1481, 1482, 1485, 1487, 1493, 1497, 1501

(zwischen 1512 und 1522 6 Drucke in Auftrag gegeben bei Jacques Sacon oder Jean Marion in Lyon)

Kaspar Hochfeder

1493

Ulm:

Johann Zainer

1480

Speyer:

Peter Drach

1486, 1489

Köln:

Karl Winters/Nikolaus Götz

1475, 1477, 1477, 1477/78, 1479, 1480

 

 

Klagelied wider alle Sprachverderber, der teutsche Michel

(um 1638)

1.         Ich teutscher Michel, versteh schier nichel

In meinem Vatterland, es ist ein schand.

Man thuet jetz reden als wie die Schweden

Inmeinem Vatterland, es ist ein schand.

 

2.         Ein jeder Schneyder will jetzund leyder

Der Sprach erfahren sein und redt Latein,

Welsch und Französisch, halb Japonesisch

Wann er ist voll und doll, der grobe Knoll.

...

42.       Was ist der Hugenot? gar ein vergriffte Krot?

Wie bsteht der Floriot? mit schand und spot.

Wer ist der Idiot, ist er dein Patriot?

Was ist Piscot für gsodt, ach lieber Gott!

...

48.       Was ist Marcepan? ein Hennen oder han?

Was ist ein Grobian doch für ein Gspan?

Was ist ein Busican, was ist ein Carpesan?

Was ist ein Partisan für ein Phasan?

 


Graphemik des Frühneuhochdeutschen

 

1. Festlegung von Distributionen

 

Einige Graphien können im Frnhd. sowohl Vokale als auch Konsonanten repräsentieren. Zu Beginn des Frnhd. werden solche Zeichengruppen noch frei variierend gebraucht. Im Verlauf des Frnhd. bilden sich für diese feste Distributionsregeln heraus.

<i - j>

<i> und <j> im 14./15. Jh. frei variierend, z.B. jar - iar, irren - jrren

15. Jh. einsetzende Trennung nach der Stellung im Wort

<j> initiale, z.B. jar, jrren

<i> medial und final, z.B. geiagt, bis

17. Jh.<j> für den Konsonanten und  <i> für den Vokal

 = Einfluß der Reformorthographen

 

<y>

a) Übernahme aus dem Griechisch-Lateinischen

b) Kombination (Ligatur) von <i + j>, z. B. <ij>, <y>

14. Jh. konkurriert <y> mit <i> und <j>, z.B. yamer, kynd

bis 17. Jh. medial gebraucht

 

<u - v>

= graphische Repräsentation des Vokals /u/ und des Konsonanten /f/

Beide Zeichen werden werden nach ihrer Distribution unterschieden:

<v> initial, z.B. vns, vater

<u> medial und final, z.B. darumb, zuuor

ab Mitte 17. Jh. Trennung (= Einfluß der Reformorthographen)

<v> für den Konsonanten

<u> für den Vokal

Als initiale Majuskel hält sich <V> über das 17. Jh. hinaus, z.B. Vbel.

 

<w>seit dem 14. Jh. zuweilen Repräsentation des Vokals /u/, z.B. zwucht

Verwendung zur Repräsentation von Diphthongen, z.B. <aw>

 

<s - ó - ß>

<s> und <ó> sind bereits im Mhd. distributionell festgelegt:

<s> final, ansonsten <ó> (nur gelegentlich final)

<ß> aus Ligatur <s + ó> entstanden - repräsentiert stl. /s/

 

2. Funktionalisierung von Graphien

 

a) Bezeichnung der vokalischen Länge

* Vokalverdopplung (seit dem Ahd. im Obd. bekannt)

z.B. <ee>, <aa>, selten <ii>, <oo>, <uu>

im Md. im 16./17. Jh. durch obd. Einfluß

*<e> nach Verlust des ursprünglichen Lautwertes

zunächst nur im Md. als allgem. Dehnungszeichen

z.B. md. jaer (vgl. Ortname "Soest")

dann funktionalisiert zum Dehnungszeichen von /i/

z.B. sieben

* <i> nur im Md. Dehnungszeichen (<y> = Variante)

z.B. md. rait /ra:t/ (vgl. Familienname "Voigt")

* <h> seit 12. Jh. gelegentlich als Dehnungszeichen

16./17. Jh. als Dehnungszeichen durchgesetzt

 

b) Bezeichnung der vokalischen Kürze

- noch nicht vollständig funktionalisiert

Doppelkonsonanz zur Markierung der relativen Kürze des vorangehenden Vokals

- unmotiviert in anderen Umgebungen, z.B. teuffel, volck

 


3. Durchsetzung der Umlautbezeichnung

 

Die Bezeichnung des Umlauts entwickelte sich regional verschieden (im Obd. früher als im Md.). Zur Bezeichnung wurde kein neues Graphem eingeführt, sondern vorhandene Grapheme modifiziert.

Möglichkeiten:

* Überschreibung mit <e>, seltener mit <o, v, i, a>

* Überschreibung mit Diakritika

Folge: große Variationsbreite von Umlautzeichen

 

14. Jh. im Obd. ausgebautes System der Umlautbezeichnung

Unterscheidung von Primär- <e> und Sekundärumlaut <a> + überschriebenes <e>

im Md. nur die Bezeichnung der Umlaute von /a/

15. Jh. Umlautbezeichnung in Teilen des Wmd.

freie Variation von <e> und <a> im Obd.

16. Jh. Umlautbezeichnung im Rib. und Omd.

Ende 16. Jh. weitgehend einheitliches Bezeichnungssystem

<a> gegen <e> durchgesetzt

17. Jh. einheitliches Bezeichnungssystem

überschriebenes <e> bezeichnet alle Umlaute

Nachstellung von <e> bei initialer Majuskel

 

4. Varianten und Reduktion von Varianten im Bereich der Digraphie

 

a) Diphthonge

Die alten und neuen Diphthonge (ou, , ei; au, eu, ei) werden durch Digraphien wiedergegeben. Versuche der genaueren Wiedergabe des Lautwertes durch Diakritika (Punkt, Ligatur, überschriebene Vokalzeichen) sind besonders im Bereich der Handschriften und der frühen Drucke zu beobachten. Im Verlauf des Frnhd. werden diese Varianten reduziert und sind im 17. Jh. relativ vereinheitlicht.

 

b) Affrikaten

Die schriftliche Repräsentation der Affrikaten zeigt besonders in frühen Hss. eine starke Variation: <tz,cz, tcz, czz, czc, zcz, czcz, czzc...>, <pf, ph, pff, ppf, ppff, phf, pfh, fph...>. In den Drucken werden die Affrikaten relativ einheitlich wiedergegeben: <tz> bzw. <cz> und <pf> selten <ph>.

 

5. Entwicklung der Großschreibung

 

I. Text- bzw. Satzinitiale

a) Lesehilfe

Kennzeichnung von Absätzen bzw. Strophenanfängen bis ins 14./15. Jh.

b) Schmuckinitiale

c) Satzbeginn

seit 15. Jh.

in dieser Verwendung = Satzzeichen

Durchsetzung im 2. Viertel 16. Jh.

 

II. Wortinitiale

a) Hervorhebung einzelner Wörter

seit 13. Jh. Eigennamen, Kollektiva (Mensch) und nomina sacra (Gott)

seit 15. Jh. Möglichkeit zur Großschreibung alle Substantive

15. Jh. Großschreibung von Adjektiven üblich, die von Eigennamen, Titeln oder Kollektivbegriffen abgeleitet sind (Kayserlich)

17. Jh. Forderung der Großschreibung der Substantive

b) Hervorhebung von Wortteilen (GOtt, gOTT...)

 

 

6. Entwicklung von Interpunktion und Kürzelzeichen

 

Die Interpunktion ist im Frnhd. wenig bzw. anders als im Nhd. geregelt.

·     14./15. Jh. Punkt und Virgel zur optischen Kennzeichnung von Lesepausen

·     15. Jh. Punkt zur Kennzeichnung des Satzes

·     seit 16. Jh. Virgel zur Kennzeichnung von Teilsätzen, konkurriert mit Komma

·     bis 16. Jh. Semikolon als Alternative zum Punkt

·     17. Jh. Semikolon nur noch Gliederungsfunktion im Satz (vgl. Komma)

·     seit 16. Jh. häufige Verwendung von Fragezeichen

·     seit 16. Jh. Verwendung des Ausrufezeichens ("Verwunderungszeichen" = Gueintz)

·     Verwendung Kürzelzeichen

- Abkürzungspunkt

- Tilde oder Nasalstrich (über Vokal oder Nasal)

- Auslassungszeichen (') bzw. (s) für ausgelassenes <r> (bes. in Hss.)

 

Phonemik des Frühneuhochdeutschen

 

1. Dehnung

mhd.   ellenbo-gen   > frnhd.           ellenbo:-gen

 

Die mhd. kurzen Vokale in offener Tonsilbe werden beim Übergang zum Frnhd. gedehnt.

 

Tonsilbe                     = betonte Silbe

offene Tonsilbe         = endet mit einem Vokal

 

Datierung:

Beginn:                      11. Jh. im Niederfränkischen

Ausbreitung: NW à O und à S

Verbreitung:  12. Jh. westl. Mitteldeutschland

13. Jh. ges. Mitteldeutschland

14. Jh. Teile des Oberdeutschen

 

Kürze bis heute in einigen alem. Gebieten erhalten!

 

Dehnung tritt weiterhin auf:

·      vor r+Konsonant (mhd. wer-den > frnhd. we:r-den)

·      vor r (mhd. der > nhd. de:r)

·      einsilbige Wörter übernehmen die Dehnung aus einer zweisilbigen Flexionsform

(mhd. vil : vi-les > nhd. viel : vie-les)

 

2. Kürzung

mhd.   dâhte              > frnhd.           dachte

 

Vor Doppelkonsonanten wurden die mhd. langen Vokale meist gekürzt.

Die alte Kürze blieb vor Doppelkonsonanten erhalten.

mhd. dritte                 > frnhd.           dritte

Diese Erscheinung ist weniger regelmäßig und von wesentlich geringerer Ausbreitung und Wirkung.

Doppelkonsonanten können heute fast als sicheres Zeichen für die Kürze des vorausgehenden Vokals gelten.

 

Datierung: Beginn im Mitteldeutschen im 12./13. Jh.

 

3. Diphthongierung

mhd.   ûf                     > frnhd.           auf                   /û/ > /au/

mîne               >                      meine /î/ > /ei/

untriuwe         >                      untreue          /iu/ > /eu/

 

Die mhd. langen Monophthonge î, û und iu wurden zu den nhd. Diphthongen ei, au und eu.

Merkbeispiel:

mhd. "mîn niuwes hûs" > nhd. "mein neues Haus"

 

Datierung:

Beginn:                      kurz nach 1100 in Tirol und Kärnten

Ausbreitung: SO à W und à N

Verbreitung:  Ende 13. Jh. im Bairischen durchgesetzt

14. Jh. im Ostfränkischen durchgesetzt

15. Jh. mit Siedlern aus dem Obd. ins Omd.

 

Im ndd. Norden und im alem. Südwesten existieren heute noch die alten langen Monophthonge!

z.B.      ndd. mîn Hûs

alem. Schwîzer Dütsch

 

 

 

Anmerkung:

Zusammenfall dieser neuen Diphthonge mit den alten Diphthongen ei, au, äu (mhd. e-i, o-u, ö-u) nur für die Standardsprache charakteristisch

alten Diphthonge nahmen in den Mundarten eine unterschiedliche Entwicklung

z.B. im Ndd. und Md. monophthongiert

mhd. sine beine        > nhd. seine Beine

ABER              > berlin. seine Beene


4. Monophthongierung

 

mhd.   liebe               > frnhd.           liebe               /i-e/ > /i:/

guote              >                      gute                /u-o/ > /u:/

brüeder          >                      Brüder            -e/ > /ü:/

 

Die mhd. Diphthonge ie, uo und üe wurden zu den nhd. langen Monophthongen /i:/, /u:/ und /ü:/, indem der zweite Bestandteil dem ersten, der den Hauptton trug, angeglichen wurde.

 

Merkbeispiel:

mhd. "liebe guote brüeder" > nhd. "liebe gute Brüder"

 

Durch diesen Prozeß wurde <ie> als neues Schriftzeichen für ein langes <i> gewonnen.

mhd. fride > nhd. Friede

 

Datierung:

Beginn:                      11./12. Jh. im Mitteldeutschen

Ausbreitung: O à W und à S

Verbreitung:  12. Jh. Beginn Mitteldeutschen

14. Jh. im Mitteldeutschen durchgesetzt

 

Die diphthongische Aussprache hat sich bis heute im Bairischen und in Teilen des Alemannischen erhalten!

z.B. bair. liaber Buab

 

Anmerkung:

Die in diesem Prozeß entstandenen Monophthonge sind vom Prozeß der Diphthongierung nicht mehr erfaßt worden. Der Prozeß der Diphthongierung war zeitlich und räumlich (12.-15. Jh.; SO à W und N) abgeschlossen, als der Prozeß der Monophthongierung zeitlich und räumlich (11.-14. Jh.; O à W und S) ablief.

 

5. e-Schwund in Nebensilben

 

mhd.   kinne              > frnhd.           Kinn

werlte >                      Welt

hulde              >                      Huld

 

Charakteristisch für das Nhd. ist der Abfall des unbetonten mhd. e am Wortende (=Apokope, griech. "wegschlagen") und der Abfall des schwachbetonten mhd. e im Wortinnern (= Synkope, griech. "ausschlagen").

 

Dieser Prozeß ist eine Folge des festen Wortakzentes auf der Stammsilbe. Bereits im Ahd. ist dieser Prozeß zu beobachten.

ahd. werolti > mhd. werlte > nhd. Welt

 

Der e-Schwund in Nebensilben ist besonders weit vorangeschritten in den obd. Mundarten:

bair. Madl für Mädel

und in der Umgangssprache der Gegenwart:

umg. machn für machen

 

 

6. Rundung

mhd.   helle               > frnhd.           Hölle               /e/ > /ö/

lewe                >                      Löwe              /e/ > /ö/

wirde              >                      würde /i/ > /ü/

triegen            >                      trügen /ie/ > /ü/

 

Verschiedentlich wurden mhd. ungerundete Vokale oder Diphthonge gerundet. Dieser Prozeß trat besonders im Obd., seltener im Md. auf.

 

Datierung: 13. Jh. im Alem.

 

Anmerkung:

Einige der gerundeten obd. Formen wurden nicht in die moderne Standardsprache übernommen.

obd. zwüschen  -  nhd. zwischen

 

 

 

7. Entrundung

mhd.   küssen           > nhd. Kissen            /ü/ > /i/

nörz                 >                      Nerz                /ö/ > /e/

slöufe >                      Schleife          /öu/ > /ei/

stius                >                      Steiß               /iu/ > /ei/

Einige mhd. gerundete Vokale und Diphthonge wurden im Obd. (12. Jh.) und im Omd. (16./17. Jh.) entrundet.

 

Anmerkung:

Beide Prozesse (Rundung und Entrundung) waren weniger regelmäßig und von geringerer Ausbreitung und Wirkung!

 

8. Mitteldeutsche Vokalsenkung

mhd.   sumer > nhd. Sommer         /u/ > /o/

künic               >                      König  /ü/ > /ö/

 

In mhd. Zeit konnten im md. Sprachraum die kurzen Vokale u und ü zu o und ö gesenkt werden.

 

9. e-Verschmelzung

Den fünf verschiedenen mhd. e-Lauten (geschlossenes e wie in mhd. geste, e wie in mhd. herze, ä wie in mägede, ê wie in mhd. lêre und ae wie in mhd. swaere) stehen im Nhd. noch drei gegenüber:

kurzes /e/, langes /e/ und langes /ä/

 

10. e-Schwund in Nebensilben

Charakteristisch für das Nhd. ist der Abfall des unbetonten mhd. e am Wortende (=Apokope, griech. "wegschlagen") und der Abfall des schwachbetonten mhd. e im Wortinnern (= Synkope, griech. "ausschlagen").

 

Dieser Prozeß ist eine Folge des festen Wortakzentes auf der Stammsilbe. Bereits im Ahd. ist dieser Prozeß zu beobachten.

ahd. werolti > mhd. werlte > nhd. Welt

 

Der e-Schwund in Nebensilben ist besonders weit vorangeschritten in den obd. Mundarten: bair. Madl für Mädel

und in der Umgangssprache der Gegenwart: umg. machn für machen

 

Konsonantismus

 

1. Mhd. s und z und ihre nhd. Entsprechungen

mhd.   gesmogen     > nhd. geschmiegt   /s/ > /sch/

stîge                >                      Steige /s-t/ > /scht/

 

Das mhd. stl. s wurde im Wortanlaut vor m, n, l, w, p, t zu nhd. /sch/.

mhd. gesmogen > nhd. geschmiegt

Das Ndd. hat diesen Wandel nicht vollzogen.

ndd. S-tein

Im Alem. wurde st auch im Wortauslaut zu /scht/ entwickelt.

alem. fescht für fest

 

Zeitraum: 13./14. Jh.

 

 

2. Mhd. h/ch und die nhd. Entsprechungen

mhd.   ich       > nhd. ich                   /x/ > /C/

niht      >                      nicht               /X/ > /C/

reht     >                      Recht              /X/ > /C/

Der mhd. gutturale Engelaut /X/ wurde im Nhd. nach den Vorderzungenvokalen e, i, ö, ü zum palatalen Engelaut /C/.

 

mhd.   dahte > nhd.  dachte            /X/ > /X/

Der mhd. gutturale Engelaut /X/ blieb nach den Hinterzungenvokalen a, o, u im Nhd. ein gutturaler Engelaut /X/.

 

 

3. Mhd. w und die nhd. Entsprechung

In medialer Position wird /w/ (außer nach Liquiden) getilgt.

mhd. triuwe > nhd. Treue

Nach mhd. /a/ wird /w/ zu /u/ vokalisiert und bildet zusammen mit /a/ einen Diphthong.

mhd. brawe > nhd. Braue

 

4. Die Opposition w vs. b

Medial nach Liquid wir die Opposition /w/ vs. /b/ seit dem Spätmhd. aufgehoben. Es setzt sich die schreibung mit /b/ durch.

mhd. varwe > nhd. Farbe

5. Assimilation

Explosiva nach Nasal gleicher Artikulationsstelle werden an diese zunächst in medialer Position, später auch in finaler Position assimiliert.

mb > /m/ = <mm> mhd. kumber > frnhd. kummer

Diese Assimilation wird von der Standardsprache übernommen.

nd > /n/ <nn>

Diese Assimilation ist nicht in die Standardsprache eingegangen.

 

n wird vor labialem Explosiv häufig zu m.

mhd. anboz > nhd. Amboß

Vor /f/ setzt sich jedoch n durch.

mhd. fümf > nhd. fünf

 

 

6. t-Epithese

Nach finalem n wird häufig ein t angehängt.

mhd. palas > nhd. Palast.

 

 

7. Binnenhochdeutsche Lenisierung

Im zentralen Teil des hd. Sprachgebietes sind die stl. Fortes (p, t, k) im Zuge der Konsonantenabschwächung zu stl. b, d, g lenisiert. (= Aufhebung der Stimmhaftigkeitsrelation)

b > p

Die Lenisierung von p betrifft nur wenige Lexeme, da p in dem größten Teil des Lenisierungsgebietes zu pf verschoben ist.

In bair. Texten des 14./15. Jahrhunderts sind Belege zu finden wie:

            pach, prvnn, pringen, pluot

Anmerkung:

Die teilweise Assimilation von b > p vor Dental (mhd. ambet, houbet > frnhd. ampt, haupt) bei gleichzeitiger e-Synkope läuft der Lenisierung entgegen, kann sich aber nur in weniger Lexemen zum Nhd. hin durchsetzen.

d > t

Im Obd. tritt die Lenisierung im 14. Jh., im Omd. im 15./16. Jh. auf. Im Alem. bleibt die Opposition Fortis : Lenis bestehen.

Im Wmd. existieren die Fortis nicht (germ. d > ahd. t).

g > k

Dieser Prozeß ist insgesamt selten.

 

 

Morphologie des Frühneuhochdeutschen

 

1. Veränderungen im Bereich der Präteritalsuffixe

Ausgangsposition:

a) Verben, die das Prät. mit einfachem Präteritalsuffix bilden

z.B. teil - t - e

b) Verben, die das Prät. mit erweitertem Präteritalsuffix bilden

z.B. lob - et - e

Veränderungung:

Lexeme mit erweitertem Suffix verlieren -e- häufig durch Synkope, während umgekehrt Lexeme mit ursprünglich einfachem Suffix ein -e- erhalten.

 

Verlauf:

16. Jh. e-haltige Variante stärker als e-lose vertreten

17. Jh. Zahl der e-haltigen Variante sinkt

Gegenwart nur noch Reste der e-haltigen Variante

(= alle Verben, deren Stamm auf dental (d oder t oder nasalische Doppekonsonanz (Verschluß- oder Reibelaut +m/n) endet)

a) Dentalstamm: gründen : gründ - et - en

b) nasalische Doppelkonsonanz: atmen : atm - et - en

 

2. Verben mit Rückumlaut

Bis auf wenige Reste wird der Stammvokal ausgeglichen. Der Prozeß beginnt bereits im Mhd. und vollzieht sich bes. im 15./16. Jh., bei häufig verwendete Verben bis ins 17. Jh. (satzte).

Im Nhd. bleiben 6 Verben mit Rückumlaut erhalten: senden, wenden, brennen, nennen, rennen, kennen.

 


3. Abnahme stark flektierender Verben

Im Mhd. existierten ca. 375 starke Verben. Im Nhd. blieben davon 178 starke Verben erhalten.

Diese Bestandsveränderung ergibt sich aus:

lexikalischer Schwund von ca. 111 Verben,

Übernahme der schwachen Flexion von ca. 80 Verben

Verlauf:

Gebrauch beider Arten nebeneinander:

z.B. st.V. gilen : sw.V. geilen

Selten setzte sich dabei die starken Flexion durch:

z.B. laden

Noch seltener wechselte sw. > st. Flexion:

z.B. preisen

Der Wechsel von der st. zur sw. Flexion bzw. der Untergang vollzieht sich bis ins 18. Jahrhundert. Dabei geht die Veränderung z.T. weit über den nhd. Standard hinaus (z.B. gleichte neben glich).

 

 

4. Ausgleich des Stammvokals der starken Verben

Typen des Ausgleichs:

a) Verallgemeinerung des Prät.Sg.-Vokals

(Klassen II und III außer „werden“, „schinden“ und unter (c) gennante

Ausnahmen)

z.B. Iib mhd.   bieten - bot - buten - geboten

nhd.     bieten - bot - boten - geboten

 

b) Verallgemeinerung des Prät.Pl.-Vokals

(Klassen I, IV, V und „werden“, „schinden“)

z.B. IV mhd.   nemen - nam - nâmen - genomen

nhd.     nehmen - nahm - nahmen - genommen

 

c) o als Vokal für Prät. Sg. und Pl.

(aus den Klassen III, IV, V und VI)

z.B.      aus III. klimmen, quellen, schmelzen...

aus IV. scheren, dreschen...

aus V. weben, gären, wiegen...

aus VI. heben und schören

 

 

Überblick über Bestand und Verwendung frnhd. Verbformen

(nach Philipp 1980, S. 118)

Formkategorie:                                synthetische             analytische

Genus/Tempus/Modus                    Bildung                      Bildung

Aktiv     Präs.          Ind.                    er rufft                        er ist ruffend

                                 Konj.                 er ruffe                       er wolle/möge...ruffen

                                 Imp.                  ruff(e)                         laß vns ruffen

              Prät.           Ind.                    er rieff                        er war ruffend

                                                                                               er ward ruffend

                                 Konj.                 er rieffe                      er wollte/möchte...ruffen

                                                                                               er (würde) ruffen

              Perf.                                     à                               er hat geruffen

              Plus.                                    à                               er hatte geruffen

              F I                                         à                               er wird ruffen

              (F II                                      à                               er wird geruffen haben)

Passiv                                               à                               er wird geruffen

 

 

Aspekte der frühneuhochdeutschen Syntax

 

1. Ausbau der Nominalgruppe

a) Ausbau durch Nebenordnung

à zweigliedrig (ca. 83 %)

z.B.      mit frummmen vnd mit boßem wirt erfult das hauß

à drei- und mehrgliedrig

 z.B.     vnd alle werlt ys in ehebreckerie vnreinicheide vnde horerey

versoppen

= Reihung von Objekten, Attributen, Adverbialbestimmungen, Subjekten und Prädikaten

 

b) Ausbau durch Unterordnung

- besonders im Bereich der Kanzleisprache

z.B.      vil stede und lande in deutschen und Welschen landen deme

riche zugehorende

 

2. Stellungswechsel des adnominalen Genitivs (attribitive)

Tendenz, zunehmend postnominal verwendet

z.B. der Schein der Sonne

pränominale Stellung noch üblich, wird im Zeitraum 1500 bis 1700 durch die postnominale Stellung verdrängt

z.B. der Sonnen Schein

damit Möglichkeit des Übergangs von Wortgruppe zum Kompositum gegeben

z.B. der sunnen schein > der Sonnenschein

Möglichkeit zu Ausdrucksvariation

a) Attribut                   der Schein der Sonne

b) Kompositum         der Sonnenschein

 

3. Rahmenbildung und Verbstellung

a) Verbstellung

- Anfangsstellung im Mhd. fast völlig geschwunden

- 15./16. Jh. verstärkte Anfangsstellung (bs. bei Verba dicendi/Redeverb - sagen...)

à Einfluß des Lat. und der gesprochenen Sprache möglich

à umgangssprachlich bis heute, z.B. in Witzen "Treffen sich..."

- Zweitstellung im Aussagehauptsatz bereits im Ahd. weitgehend durchgeführt

- Endstellung im abhängigen Satz seit Ahd. möglich, aber erst seit 15./16. Jh. üblich

 

b) Rahmenbildung

Typen

a) ohne Nachstellung

z.B. die pfaffen können Nie ohne Zanck bleiben

b) mit Nachstellung

z.B. durch die steinrotsche wurden sie erloist des dots

c) Kontaktstellung

z.B. er wart erkant an synen grossen deten

Tendenz, den Rahmen ohne Nachstellung zu gebrauchen:

Schildt:

ohne Nachstellung    mit Nachstellung       Kontaktstellung

1470-1530                   68,1 %                         22,4 %                         9,4%

1670-1730                   81,4 %                         17,9 %                         0,8 %

 

 


Aspekte der Veränderung im frühneuhochdeutschen Wortschatz

 

Berufsbezeichnung „Fleischer“

um 1500

um 1700

Ende 18. Jahrhundert

Knochenhauer

Knochenhauer

 

Metzger

Metzger

Metzger

Metzler

Metzler

 

Fleischhauer

Fleischhauer

 

Fleischer

Fleischer

Fleischer

Fleischhacker

Fleischhacker

Fleischhacker

Schlachter

Schlachter

Schlachter

Metzinger

 

 

Küter

Küter

 

Lästerer

Lästerer

 

Fleischhäckel

 

 

Fleischmann.

 

 

 

Geisler

 

 

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